Der Einsatz des Standard-Thesaurus Wirtschaft im HWWA

- Ein Instrument zur Qualitätssicherung von 
wirtschaftswissenschaftlichen Fachinformationen -

Seitenanfang


Einleitung

Seit Mitte der 80er Jahre setzt die Bibliothek des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA) einen Thesaurus zur dokumentarischen Sacherschließung ein, zunächst den hauseigenen THESAURUS WIRTSCHAFT und ab 1998 den Standard-Thesaurus Wirtschaft (STW), der gemeinsam mit der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) in Kiel, dem ifo-Institut in München und der Gesellschaft für Betriebswirtschaftliche Information (GBI), ebenfalls in München, erstellt worden ist.

Der STW ist ein Fachthesaurus, der speziell für die Bedürfnisse von Information und Dokumentation im Bereich von Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaft entwickelt worden ist. Fachlich lassen sich mit ihm sämtliche ökonomischen Themenfelder abdecken: Die praktische Wirtschaftstätigkeit in Branchen und Unternehmen, Produktentwicklungen, die allgemeine Wirtschaftslage, die Situation der Weltwirtschaft sowie die theoretischen Fragestellungen. Erarbeitet wurde der Thesaurus 1995 bis 1997 im Rahmen des vom Bundesministerium für Wirtschaft geförderten Projekts "Vereinheitlichung der Wirtschaftsnomenklatur zu einer gemeinsamen Indexierungssprache (Thesaurus) mit einheitlichen Regeln für Datenbankproduzenten und Nutzer aus Wirtschaftswissenschaft und –praxis". Er wird seit seiner Fertigstellung von den Trägerinstitutionen zur Sacherschließung verwendet.

Über den Einsatz bei den Partnereinrichtungen hinaus liegt das Ziel des STW darin, eine institutionenübergreifende Vereinheitlichung der Sacherschließung möglichst vieler Anbieter von Wirtschaftsinformationen im deutschsprachigen Raum zu erreichen, und damit zur Verwirklichung eines häufig vorgetragenen Wunsches beizutragen.1 Seine Verwendung als Arbeitsinstrument steht allen einschlägigen Dokumentationsstellen und Datenbankproduzenten offen. Der Thesaurus wird von den Bibliotheken und Informationsanbietern, die ihn erstellt haben, auch zukünftig regelmäßig aktualisiert und weiterentwickelt. Die elektronischen Versionen werden laufend auf dem neuesten Stand gehalten; die gedruckte Version wird nach größeren Revisionen neu aufgelegt.

Thesauri, auch wenn sie von mehreren Institutionen gemeinsam unterhalten werden, sind bekanntlich recht aufwendige Dokumentationssprachen, jedenfalls wenn sie den Anforderungen der einschlägigen Norm DIN 1463 "Erstellung und Weiterentwicklung von Thesauri, Teil 1 Einsprachige Thesauri" entsprechen. Deshalb liegt die Frage nahe, warum die HWWA-Bibliothek heute noch, wo es so viel einfachere und kostengünstigere Methoden gibt einen thematischen Zugang zu Bibliothekskatalogen zu eröffnen, ein so traditionelles Medium für die Inhaltserschließung einsetzt. Hat nicht im Zeitalter des Internet und der Eigenrecherche durch die Informationssuchenden normiertes Vokabular überhaupt seine Berechtigung eingebüßt – schließlich stehen doch Titelstichwörter und in steigendem Ausmaß sogar Volltexte für die Suche zur Verfügung.

Im folgenden soll dargelegt werden, dass im Gegensatz zu dieser populären Annahme gerade unter den gegenwärtigen Bedingungen der Einsatz eines Thesaurus nicht nur sinnvoll sondern geradezu geboten ist, weil erst die heutige Informationstechnik eine Nutzung seines vollen Potenzials an Rechercheunterstützung ermöglicht. Der Schwerpunkt der Betrachtung wird dabei auf seiner Rolle für die wirtschaftswissenschaftliche Fachinformation liegen.

Seitenanfang


Stand der Fachinformation in der Wirtschaftswissenschaft

Das HWWA gehört zu den Initiatoren der inzwischen gut eingeführten CD-ROM WISO II, die den größten Teil der wirtschaftswissenschaftlich relevanten Literaturnachweise im deutschsprachigen Raum enthält. Ende 1999 waren als Gesamtbestände der Datenbanken der ZBW, des HWWA und des ifo Instituts mehr als 900.000 Nachweise wissenschaftlicher und empirischer Literatur (auch benachbarter Disziplinen) auf einem Medium verzeichnet; gemeinsam mit der BLISS-Datenbank der GBI auf der WISO I waren es weit über 1.000.000. Das ist weltweit das größte elektronische Angebot wirtschaftswissenschaftlicher Fachinformationen. Die WISO–CDs bilden einen ersten Schritt bei der Beseitigung der oft beklagten Mängel im Bereich der Wirtschaftsdatenbanken in Deutschland. Allerdings handelt es sich bislang nur um eine Kumulierung von Einzelbeständen; deren unkoordinierte Datenaufbereitung denn auch von den NutzerInnen kritisiert wird, insbesondere das Fehlen einer einheitlichen Inhaltserschließung.2

Die Situation in Deutschland spiegelt nur einen weltweiten Zustand wider: Verglichen mit den Verhältnissen in anderen Disziplinen, besonders in Naturwissenschaft und Technik, ist die Qualität des Fachinformationsangebots in den Wirtschaftswissenschaften generell wenig befriedigend.3 Das betrifft sowohl die Vollständigkeit der Nachweise als auch Einheitlichkeit und fachspezifische Organisation des thematischen Zugangs, denn nahezu jede der inzwischen zahlreichen einschlägigen Referenzdatenbanken verfügt über eigene Methoden der inhaltlichen Erschließung. Als einziges allgemein verbreitetes und allseits anerkanntes Indexierungssystem kann die JEL(Journal of Economic Literature)-Klassifikation der American Economic Association gelten, auch wenn sie, der Situation der Disziplin folgend, stark an US-amerikanischen Gepflogenheiten in Interpretation und Strukturierung des Faches ausgerichtet ist. Fachinformationssysteme (FIS), wie sie dem üblichen Standard in anderen Wissenschaften entsprechen, fehlen hingegen bislang vollständig, auch wenn sie bereits seit Jahrzehnten angemahnt werden.

Infolge der beschleunigten Ausbreitung und Vernetzung ökonomischer Fachdatenbanken gewinnt indessen die Einrichtung von leistungsfähigen Fachinformationssystemen national und international immer höhere Priorität, zumal auch zahlreiche wirtschaftswissenschaftliche Institutionen und AutorInnen bereits im Internet mit Aufsätzen und Working Papers vertreten sind. Die Globalisierung des Informations-Inputs zwingt informationssuchende WissenschaftlerInnen zu einer Neuausrichtung bei der Literaturrecherche: Gegenüber der in früheren Zeiten meist bevorzugten alphabetischen Suche nach bekannten Quellen und AutorInnen innerhalb eines engeren fachlichen Zirkels gewinnt die allgemeiner angelegte inhaltliche Suche an Bedeutung, um mit den aktuellen Veränderungen des eigenen Forschungsbereichs Schritt halten zu können. Bislang bleibt den Recherchierenden nichts anderes übrig, als das für sie relevante Wissen in einer Unzahl von Informationen selbst aufzuspüren und einzuschätzen, eine fast unmögliche Aufgabe, denn da die wissenschaftliche Ökonomie eine der größten Disziplinen mit einer fortgeschrittenen und ständig weiter zunehmenden fachinternen Ausdifferenzierung und Spezialisierung ist, können sich die ForscherInnen schon konventionell kaum außerhalb ihres engsten Fachgebiets auf dem laufenden halten.4 Umso mehr gilt das für die Suche im Internet, wo der Anteil wissenschaftlicher Quellen insgesamt sehr gering ist. Trotz kosten- und zeitintensiver Suchstrategien kann die Recherche auf eigene Faust ohne die fachlich angemessene Unterstützung durch eine potente Retrievalsprache im Rahmen eines spezialisierten Informationssystems nur suboptimale Ergebnisse bringen.

Eine erhebliche Verbesserung der Qualität des globalen Datenangebots und der Unterstützung für die Literaturrecherche ist in Zukunft durch Aufbau und Verbreitung einer einheitlichen Metadaten-Struktur für Internet-Dokumente zu erwarten, wie sie durch die Festlegungen im Dublin-Core angestrebt werden, leider jedoch stecken diese Bemühungen bislang noch in den Kinderschuhen. Auch existieren mittlerweile erste Internet-Portale für die Wirtschaftswissenschaft: In Deutschland z.B. bei der Düsseldorfer Virtuellen Bibliothek. International sind vor allem NetEc der University of Surrey, WebEc der Helsinki School of Economics und Bill Goffe’s Resources for Economists on the Internet zu nennen. Diese Linksammlungen sind aber lediglich als Vorformen eines fachlich anspruchsvollen Zugangs zu elektronischen Informationen einzuschätzen.

Seitenanfang


Funktion der inhaltlichen Erschließung

Ein wesentliches Charakteristikum für einen qualitativ hochwertigen Fachinformationsservice liegt – neben einem möglichst vollständigen Nachweis von fachlich relevanten Quellen – in der Bereitstellung von komfortablen Orientierungs- und Strukturierungshilfen für die WissenschaftlerInnen. Spezialbibliotheken und anderen Anbietern wissenschaftlicher Informationen fällt vorrangig die Aufgabe zu, durch eine der jeweiligen Disziplin angemessene thematische Erschließung der Materialien eine qualitative Aufwertung der Quellennachweise vorzunehmen und durch einen passenden Zuschnitt von Dienstleistungen der einzelnen Wissenschaftlerin die Mühe des eigenständigen Zusammentragens der versprengten Daten abzunehmen. Während aber die technischen Funktionalitäten permanent verbessert und erweitert werden, ist die Implementierung von Hilfsmitteln zur inhaltlichen Strukturierung der Wissens- und Informationsbestände bislang dahinter zurückgeblieben.

Das wirkt sich besonders negativ für die Wirtschaftswissenschaft aus, denn sie ist trotz eines starken eigenständigen Profils doch auch wie die übrigen Sozialwissenschaften von einem Neben- und teilweisen Gegeneinander diverser Schulen und weltanschaulich differierender Denkmodelle mit je eigenen fachsprachlichen Usancen geprägt. Zu denken ist dabei z.B. an die theoretischen Divergenzen zwischen "westlicher" und "sozialistischer" Ökonomik, da es trotz des Systemzusammenbruchs in Osteuropa bis auf weiteres noch sozialistische Volkswirtschaften geben wird und diese auch zukünftig gewiss Gegenstand der historischen Forschung bleiben werden. Die disziplinäre Zersplitterung und die theoretischen Antinomien spiegeln sich wider in der sprachlichen Ausdruckweise und führen zu einer mangelnden Eindeutigkeit der einzelnen Bezeichnungen, sobald der Kontext unberücksichtigt bleibt. Die Vielfalt der ökonomischen Fachsprachen erfordert demnach geradezu den Einsatz einer normierten Dokumentationssprache.

Das gleiche gilt für die Unterschiede der Begriffsinhalte zwischen Volks- und Betriebswirtschaftslehre, die geeignet sind, die Zahl potenzieller verbaler Missverständnisse noch zu steigern, z.B. definieren sie Investitionstheorie jeweils sehr verschieden. Darüber hinaus führt die Sprache der Wirtschaftspraxis bekanntlich ein bemerkenswertes Eigenleben, genannt sei nur die unerschöpfliche Wortbildungsvielfalt der Marketing- und Werbesprache, ohne dass sich hinter Neologismen immer auch neue Konzepte verbergen würden. Last but not least sind die interdisziplinären Bedeutungsunterschiede beim Wortgebrauch innerhalb der Sozialwissenschaften zu erwähnen. Da sich die Sozialwissenschaften die gleichen Erkenntnisobjekte teilen, benutzen sie häufig dieselben Bezeichnungen; da sie aber jeweils andere Aspekte untersuchen, sind sprachliche Verwirrungen unvermeidlich. Z.B. bedeuten Gesellschaft und Vergesellschaftung in ökonomischen Zusammenhängen etwas völlig anderes als in der Soziologie.

Es ist folglich leicht einsehbar, dass die einzelne Wirtschaftswissenschaftlerin bei der Literaturrecherche je mehr profitiert, desto umfangreicher die Menge an einheitlich indexierten Fachpublikationen ist. Sie ist dann nicht gezwungen, sich Kenntnisse der verschiedensten anbieterspezifischen Begrifflichkeiten anzueignen und außerdem steigt der Grad der Verlässlichkeit des Suchergebnisses. Dieser Vorteil, welcher durch die Benutzung standardisierter Termini zu erreichen ist, war der Hauptgrund für das HWWA, den eigenen bewährten Thesaurus aufzugeben und, unter Beibehaltung der wesentlichen Elemente seiner systematischen Struktur, gemeinsam mit anderen Einrichtungen einen Standard-Thesaurus zu erarbeiten und einzusetzen. Diese mittlerweile mehrjährig erprobte erfolgreiche Kooperation wird zukünftig eine entscheidende Ausweitung erfahren, denn in den STW-Partnerbibliotheken gibt es Überlegungen, ihre Datenbanken zu einem Online-Datenpool als Kern eines deutschsprachigen Fachinformationssystems für die Wirtschaftswissenschaft zusammenzuführen und auf diese Weise den mit der CD-ROM WISO II begonnenen Weg konsequent fortzusetzen. Die Voraussetzung für die Arbeit mit einheitlichen bibliographischen Datensätzen ist inzwischen geschaffen, denn alle drei Bibliotheken (HWWA, ZBW, ifo) katalogisieren in den GBV. Im Gegensatz zu den bereits vorhandenen virtuellen Internet-Portalen für die Wirtschaftswissenschaft wird die Grundlage eines solchen ebenfalls internetbasierten Fachinformationssystems, für das es im übrigen bisher weder einen Namen noch einen endgültigen organisatorischen Rahmen gibt, bei den umfangreichen eigenen Materialbeständen liegen, die im Sinne des "Schalenmodells" von KRAUSE5 geeignet sind, den qualitativ hochwertigen Kern eines breit gestreuten Datenangebots auszumachen, weil sie einerseits dokumentarisch erschlossen und andererseits zeitnah verfügbar sind.

Für eine disziplingerechte Aufbereitung der eigenen Bestandsnachweise ist die spezialisierte inhaltliche Auswertung mit normierter Terminologie von herausragender Bedeutung, denn die Bestände selbst werden auf absehbare Zeit aus Kostengründen nicht im Volltext gespeichert werden können. Monographien, Sammelwerke und viele Periodika stehen nicht für die Recherche zur Verfügung, die Suchmöglichkeiten im Freitext beschränken sich auf Titel- und z.T. Abstractdaten. Da aber in ökonomischen (auch wirtschaftswissenschaftlichen) Veröffentlichungen die Titelgestaltung partiell eher zu marketingpolitischen Zwecken oder mit dem Ziel des Leseanreizes eingesetzt wird als zur Preisgabe des Dokumentinhalts, führen reine Titelsuchen oft in die Irre und ziehen in erheblichem Ausmaß Ballast nach sich. Durchaus repräsentative Beispiele für die Titelformulierung sind: "More heat than light" (eine methodenkritische Arbeit von Philip Mirowski, der hier Shakespeare‘s Hamlet paraphrasiert), "All about the merry-go-round" (über Finanzmärkte), "Do you believe in magic?" (über den High-Tech-Sektor) oder "Noch einmal mit Gefühl" (über Autozulieferer).

Ein weiterer Grund, warum Freitextsuchen zu suboptimalen Ergebnissen führen, liegt in der Mehrsprachigkeit der Quellen. Wegen des überproportionalen Anteils US-amerikanischer ForscherInnen an der Publikationstätigkeit in den Wirtschaftswissenschaften ist die Fachsprache in erster Linie englisch. Neben deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Dokumenten sammelt das HWWA Veröffentlichungen aus aller Welt und berücksichtigt die internationale Literatur auch bei der Sacherschließung. In einem vielsprachigen Datenpool kann jede freihändige Stichwortsuche nur von sehr begrenztem Nutzen sein und nicht mehr als Zufallsergebnisse erbringen.

Seitenanfang


Die HWWA-Dienstleistungen im Rahmen eines deutschsprachigen Fachinformationssystems für die Wirtschaftswissenschaft

Das geplante FIS soll den WissenschaftlerInnen die Mühe des eigenständigen Zusammentragens von Informationen abnehmen und die Fülle der Daten konsumierbar gestalten. Der Scientific Community soll ein effektives, hochqualifiziertes Infrastrukturnetz zur Verfügung gestellt werden, das ihren jeweiligen Informationsbedürfnissen weitgehend entgegenkommt und, da es über die PC-Arbeitsumgebung in den Forschungsprozess einbezogen wird, zu einer Verbesserung und Intensivierung der fachinternen Kommunikation beitragen kann. Wegen der ständig wachsenden Anzahl an Fachpublikationen und des zunehmenden Wettbewerbs unter den WissenschaftlerInnen sind diese mehr denn je auf professionell gestaltete, vernetzte und hochwertige Nachweissysteme zum State-of-the-Art und den fachlichen Diskussionsprozessen angewiesen. ÖkonomInnen zählen in dieser Hinsicht, wie andere Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen auch, wegen der Technikferne der Disziplin zu einer traditionell eher unterversorgten Klientel. Die deutschsprachige Profession hat allein wegen ihres zahlenmäßigen Gewichts Anspruch auf deutschsprachige Zugänge zum nationalen und internationalen Fachwissen, welche die Vielzahl englischsprachiger Gateways sinnvoll ergänzen. So könnte zunächst vor allem der eigene fachliche Austausch unterstützt und intensiviert werden. Wenn der Aufwand bei der Informationsbeschaffung reduziert wird, besteht auch eine Chance, die beklagte unzureichende Integration in die internationale (vorwiegend anglo-amerikanische) Fachdiskussion zu verstärken und durch intensivere Beteiligung am aktuellen Diskurs den Zustand des "schwarzen Lochs"6 zu überwinden. Übersetzungen deutscher Fachaufsätze in schlechtes Englisch allein bringen keinen Zuwachs an internationaler Reputation.

Das HWWA wird im Angebotsspektrum des FIS mit hausspezifischen Dienstleistungen für die Schwerpunkte seiner Sammlung und zukünftigen Forschungstätigkeit Funktionen eines sog. "Clearinghouse" übernehmen, d.h. gekoppelt mit bibliographischen Nachweisen auch Informationen über andere Forschungsprojekte, einschlägige Institutionen, ExpertInnen, Konferenztermine, weitere Publikationen etc. zusammentragen und thematisch gegliedert und kommentiert aufbereiten.7 Dieses verdichtete Fachinformationsangebot wird sich konzentrieren auf die gesamte Palette der allgemeinen und speziellen betriebswirtschaftlichen Literatur in Form von Monographien, Zeitschriftenaufsätzen und Beiträgen in Sammelwerken, ergänzt durch Fachaufsätze aus branchen- und produktspezifischen Zeitschriften sowie durch Firmeninformationen aller Art (vom Presseartikel bis zur Habilitationsschrift). Aus den Forschungsschwerpunkten des HWWA abzuleiten ist vertieftes Wissen z.B. zu den Teildisziplinen "Internationale Klimapolitik" oder "Internationale Finanzmärkte". Das Ermitteln von Informationen im Zusammenhang mit den hauseigenen Forschungsschwerpunkten und deren Einstellung ins Internet werden die HWWA-ForscherInnen vorzugsweise selbst vornehmen können – Informationen von Wissenschaftlern für Wissenschaftler. Eine solche Vernetzung von Aktivitäten einer Fachbibliothek mit jenen des hauseigenen Forschungsbereichs entspricht präzis auch den Intentionen des Wissenschaftsrates im Hinblick auf die neue Aufgabenstellung des HWWA als Service-Einrichtung für die Wissenschaft.

Alle Planungen der HWWA-Bibliothek für eine zukünftige Verbesserung und Erweiterung ihrer Dienstleistungen bewegen sich im Rahmen dieser Überlegungen.8 Neben den weiterhin bestehenden konventionellen Diensten werden mehr und mehr die elektronischen Leistungen in den Vordergrund rücken, wobei neben den eigenen Beständen auch zunehmend auf fremde (virtuelle) Informationsquellen verwiesen wird. Der reale institutionelle Hintergrund der Bibliothek wird, obwohl er weiterbesteht und für die Qualität des Informationsangebots entscheidend ist, für die BenutzerInnen kaum noch von Bedeutung sein. Die Bibliothek wird zu einer von RUSBRIDGE so bezeichneten "Hybridbibliothek"9, einer Bibliothek im Übergang. Hybridbibliotheken sollten bestrebt sein, alle Dienstleistungen und deren EDV-technische Basis zu vereinheitlichen, damit digitale und Print-Quellen sowie eigene und fremde Ressourcen nicht unverbunden nebeneinander existieren, sondern über integrierte Zugänge erreichbar sind.

Um diese Integration von traditionellen HWWA-Dienstleistungen mit den WWW-Angeboten zu realisieren, die Leistungen dem aktuellen technischen Stand anzupassen und besser mit der wissenschaftlichen Arbeit verbinden zu können, beteiligt sich das HWWA an der Entwicklung einer Software für ein Internetbasiertes Fachinformationssystem (IFIS). Das IFIS entsteht in Zusammenarbeit mit dem IZ Sozialwissenschaften in Bonn und dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Köln. Durch Einigung auf ein gemeinsames Datenmodell sind Synergieeffekte, wie z.B. die Nutzung der sozialwissenschaftlichen Forschungsdatenbank FORIS des IZ Sozialwissenschaften, gewährleistet. Die Software bietet auch die technische Basis für die Pflege des STW (für den das HWWA die zentrale Datei führt), einer daraus abgeleiteteten Klassifikation für die Wirtschaftswissenschaften und der weiteren HWWA-Normdaten. Die Verwaltung und Entwicklung der Gesamtheit des normierten Vokabulars ist für die Qualitätssicherung der inhaltlichen Erschließung unerlässlich. Diese Tätigkeiten können durch den GBV nicht hinreichend unterstützt werden. Das IFIS kann darüber hinaus die informationstechnischen Voraussetzungen für gemeinsame Dienstleistungen der FIS-Partner liefern und damit die Bedingungen für einen institutionenübergreifenden, verteilten Fachinformationsservice schaffen, der den heutigen Anforderungen an zentrale fachwissenschaftliche Informationseinrichtungen gerecht zu werden vermag.

Seitenanfang


Thesaurus-Konzept

Zielgenaue Rechercheergebnisse in den Datenbeständen der STW-Partnereinrichtungen können nur durch eine differenzierte Tiefenerschließung der Inhalte gewährleistet werden, da es sich bei ihnen wie dargestellt um Spezialbibliotheken mit großen, rasch wachsenden und vielsprachigen Sammlungen handelt. Eine zusätzliche Hilfestellung für thematische Suchanforderungen kann erreicht werden, wenn die zum Indexieren verwendete Dokumentationssprache nicht nur eine terminologisch standardisierende Funktion übernimmt, sondern zusätzlich über weitere ordnungsschaffende Elemente zur Strukturierung der Daten verfügt, die geeignet sind den Ordnungsgrad der bibliographischen Daten zu erhöhen. Zwar könnte auch durch ausgefeilte Retrievalmodi eine Verbesserung der Treffermenge erzielt werden, aber es lässt sich nachträglich kein Aspekt selektieren, der zuvor beim Input nicht berücksichtigt worden ist. Nur auf einer bereits vom Erschließungsinstrument vorgegebenen Struktur können auf absehbare Zeit die Auswahlfunktionen eines Retrievalsystems effizienzsteigernd aufsetzen.

Bisher erfüllen lediglich Thesauri diese Anforderungen an eine Verbindung zwischen Inhaltserschließung und Benutzerführung und deshalb entschieden sich die STW-Partner für einen Thesaurus als gemeinsames Indexierungsmedium. Der Standard-Thesaurus erfüllt die wesentlichen Prinzipien der einschlägigen DIN 1463 Teil 1, d.h. seine Termini, die das fachspezifische Begriffssystem abbilden, sind entsprechend nachvollziehbarer Kriterien ausgewählt worden statt nach institutionenbezogenen oder gar persönlichen Vorlieben, womit den Erwartungen der FachnutzerInnen am besten entsprochen wird. Die freie Formulierung der Suchbegriffe bei einer Anfrage wird unterstützt durch eine große Zahl von Nichtdeskriptoren im Zugangsvokabular. Außerdem sind die wichtigsten semantischen Beziehungen zwischen den selektierten Fachbegriffen dargestellt.

Die ausgefeilte systematische Gliederung ist eine Besonderheit des STW. Sie entspricht der gebräuchlichen Ordnung des Fachgebiets und ergänzt Wortschatz sowie begriffliche Relationen. Die Systematik ermöglicht es den BenutzerInnen, sich einen vollständigen Überblick über die begriffliche Abdeckung eines beliebigen Themenkreises zu verschaffen. Das Notationssystem erlaubt gemeinsam mit den semantischen Netzen (bei entsprechender Gestaltung der Interfaces) flexible Erweiterungen oder Reduktionen des Suchumfangs, z.B. durch hierarchische Auf- bzw. Abwärtssuche oder durch Maskierung einer Notation. Wahlweise kann eine gezielte Recherche nach einem engen Thema oder das Browsing in einem weiter gefassten unterstützt werden.

Auf diese Weise kann der Thesaurus für SacherschließerInnen und Rechercheure die Funktion eines Wegweisers durch den Wortschatz übernehmen und gleichzeitig Auskunft geben über die sachliche Ordnung der gespeicherten Nachweise. Seine differenzierte Struktur eignet sich auch besonders für die Anwendung in linguistisch und/oder klassifikatorisch aufgebauten Retrievaltechniken und Suchmaschinen. Erst unter den heutigen informationstechnischen Bedingungen können die in der Thesaurusstruktur potenziell angelegten Elemente richtig zur Geltung kommen, indem sie das Navigieren in Datennetzen sowie im Internet erleichtern und den NutzerInnen die Notwendigkeit ersparen, sich nähere Kenntnisse über Retrievalsprachen und Datenbankaufbau anzueignen.

Die Vorteile eines fachspezifischen Sacherschließungsmediums bildeten auch den Grund für die Entscheidung, sich nicht dem im deutschen Bibliothekswesen eingeführten Standard der RSWK anzuschließen, was den Vorteil der Einheitlichkeit für die BenutzerInnen geboten hätte, sondern eine Eigenentwicklung vorzunehmen. Die SWD weist zwar ebenfalls eine Thesaurusstruktur auf, enthält aber nur vergleichsweise rudimentäre semantische Verknüpfungen und eine für die Zwecke der Wirtschaftswissenschaft ungeeignete Systematik. Es handelt sich hier eben um ein System für die Gesamtheit der Fachgebiete, das die erhöhten Anforderungen an fachspezifische Informationsvermittlung weder übernehmen kann noch soll. Um den WissenschaftlerInnen trotzdem die Mühe der Recherche mit verschiedenen Vokabularien weitgehend zu erleichtern, gibt es Bestrebungen zwischen der Deutschen Bibliothek und dem STW-Konsortium zur Erstellung einer Konkordanz zwischen beiden Thesauri, die über die Nutzung von Links Cross-Recherchen zwischen STW- und RSWK-indexierten Beständen im GBV erleichtern soll. Die Vorarbeiten werden im Jahr 2000 beginnen.

Seitenanfang


Terminologische Kontrolle

Um den Dialog zwischen Anfragenden und System möglichst einfach zu gestalten, wurde bei der Normierung des sprachlichen Zugangs besonderer Wert auf die Anwenderfreundlichkeit gelegt. Die Deskriptoren und ihre semantischen Umfelder wurden weitgehend selbsterklärend gestaltet, damit die Recherche am eigenen PC möglichst problemlos zu den gewünschten Treffermengen führt. Eine Lektüre umfangreicher Regelwerke vor Beginn der Datenbanksuche würde nur auf geringe Akzeptanz stoßen. Alle Begriffe im STW unterliegen einer "terminologischen Kontrolle", d.h. für jeden ausgewählten Begriff wird eine Vorzugsbenennung festgelegt und dieser werden Synonyme zugeordnet; zusätzlich werden Homonyme (gleiche Schreibweise oder Aussprache) bzw. Polyseme (analoge Bedeutungsübertragung) gekennzeichnet. Auf diese Weise wird die auch innerhalb des Fachgebiets häufig anzutreffende Mehrdeutigkeit sprachlicher Ausdrücke bereinigt. Eine Stille Reserve z.B. kommt sowohl in der Bilanzierung als auch auf dem Arbeitsmarkt vor. Durch die begriffliche Festlegung kann zu Beginn der Recherche bereits gesteuert werden, ob das Interesse der Informationssuchenden sich auf die Buchführungsliteratur oder die Veröffentlichungen zum Arbeitsmarkt richtet. Der ballastvermeidende Effekt wird hier unmittelbar einsichtig. Die konkrete Lösung ist ganz fachgebietsspezifisch und trägt der Tatsache Rechnung, dass die Stille Reserve im Kontext der Bilanzierung die häufigere Verwendung darstellt:

Stille Reserve (als Deskriptor)
gehört zur Sachgruppe B.02.02 Kapitalverwendung

Stille Reserve am Arbeitsmarkt (als Nichtdeskriptor)
BS
(Benutze Synonym) Versteckte Arbeitslosigkeit

Deskriptoren

Wie das Beispiel zeigt, wird die Auswahl einer Vorzugsbenennung aus mehreren Varianten nach dem fachsprachlichen Gebrauch getroffen. Die Entscheidung für den gebräuchlichsten Ausdruck kommt den ÖkonomInnen entgegen, denn sie erwarten und verwenden die ihnen vertraute Fachsprache bei ihren Anfragen, ebenso wie diese selbstverständlich auch von den AutorInnen benutzt wird. Die Feststellung der bevorzugten Alternative in der fachlichen Verwendung kann heute wesentlich rascher und zielsicherer getroffen werden als zu Zeiten der Zettelkataloge, denn es können die bereits verschlagworteten eigenen Titelnachweise für die Entscheidung herangezogen werden. Es erleichtert darüber hinaus die Bestimmung der Deskriptoren, dass die Wirtschaftswissenschaft zwar im Vergleich zu Naturwissenschaften und Technik über eine eher "weiche" Terminologie verfügt, diese aber im Vergleich zu den verwandten sozialwissenschaftlichen Disziplinen wiederum allgemeiner akzeptiert und verbreitet ist, was zum nicht geringen Teil auf die Dominanz einer von US-amerikanischen ForscherInnen angeführten "Mainstream Economics" und deren Tendenz zur Mathematisierung von Aussagen zurückzuführen ist. So findet man oft überhaupt nur eine gebräuchliche Bezeichnung in der fachlichen Diskussion, dazu häufig genug lediglich im englischen Original, weil niemand sich die Mühe einer angemessenen Übersetzung macht: Inflation Targeting und Corporate Governance sind im STW als Vorzugsbenennungen enthalten. Auf der anderen Seite lässt sich aber für bestimmte Begriffe keine allgemein verbindliche Bezeichnung einwandfrei ermitteln, dann sind Kompromisse unvermeidlich. Beispielsweise existieren die Ausdrücke Unternehmung und Unternehmen parallel, der erste wird in der Theorie bevorzugt, der zweite in der praxisbezogenen Literatur. Hier hat man schließlich im STW dem Unternehmen als Deskriptor den Vorzug gegeben.

Synonyme

In diesem Fall wird Unternehmung zu einem wichtigen Synonym. Ein Prinzip des Standard-Thesaurus ist es, möglichst viele Fachausdrücke als Synonyme/Nichtdeskriptoren, also als Einstiegsvokabular zu berücksichtigen und damit die Umsetzung der natürlichsprachlichen Anfrageformulierungen in die normierte Thesaurussprache zu unterstützen. Deshalb werden die Synonyme nach pragmatischen Erwägungen erfasst, d.h. nach ihrer Nützlichkeit für Indexierung und Recherche. Vor allem sporadische NutzerInnen können nicht vorausahnen, mit welchen Deskriptoren sie vorzugsweise zu suchen haben oder ob ein bestimmter Begriff überhaupt in der Datenbank vorhanden ist. Umgangssprachliche Ausdrücke werden bis auf wenige Ausnahmen allerdings nicht berücksichtigt, um den Charakter eines Fachthesaurus nicht zu verwässern. Vorwiegend werden - neben wenigen bedeutungsgleichen (vorwiegend den englischen Fachbezeichnungen) - bedeutungsähnliche sprachliche Ausdrücke, also Quasisynonyme, als Nichtdeskriptoren in den Thesaurus aufgenommen. Ergänzend kommen Unterbegriffe der Deskriptoren hinzu, die nicht selbst als Deskriptor aufgenommen worden sind, weil sie als nicht wichtig genug eingeschätzt wurden. Aus Gründen der Benutzungsfreundlichkeit wurden alle diese Bezeichnungen entgegen den Empfehlungen der einschlägigen DIN-Norm in einer Äquivalenzklasse zusammengefasst. Jeder dieser Nichtdeskriptoren verweist auf genau einen Deskriptor und hat auch einen eigenen Eintrag im alphabetischen Teil der STW-Printversion.

Kunststoffverpackung
BF (Benutzt für)  Kunststoffbeutel
Plastikbeutel
Plastikflasche
Plastiktüte
Plastikverpackung

Die Zahl der Nichtdeskriptoren wird kontinuierlich erweitert, eine vollständige Aufnahme aller in der Fachkommunikation vorkommenden Ausdrücke ist jedoch nicht möglich, dazu ist sowohl in der allgemeinen Wirtschaftsliteratur als auch in der theoretischen Ökonomie die Wortschöpfungsfreude zu sehr verbreitet. In der Wissenschaft leisten die Diskussion über Begriffsinhalte und die Prägung neuer Ausdrücke sogar einen relevanten Beitrag zur Weiterentwicklung der Disziplin. Aus diesem Grund kann die Standardisierung von Benennungen und Begriffsbedeutungen innerhalb des Thesaurus nicht normsetzend für die zugrundeliegende Wissenschaft sein.

Homonyme/Polyseme

Wie gezeigt, können sprachliche Ausdrücke selbst innerhalb eines wirtschaftlichen Kontexts durchaus sehr verschiedene Bedeutungen annehmen. So ist z.B. das Wort Wirtschaft ein außerordentlich gebräuchlicher Ausdruck: von der alltagssprachlichen Verwendung für eine Gaststätte einmal ganz abgesehen, kann er je nach Kontext einerseits das gesamte Wirtschaftsleben eines Staates bezeichnen, andererseits den Unternehmenssektor. Als Benennung oder gar als begriffliches Konzept ist Wirtschaft folglich nicht trennscharf genug und so kommt paradoxerweise ausgerechnet der Standard-Thesaurus Wirtschaft ohne ihn als Deskriptor aus. Synonymeinträge mit der entsprechenden Einschränkung im Klammerzusatz sind jedoch vorhanden: Wirtschaft (Volkswirtschaft) BS Volkswirtschaft und Wirtschaft (Gewerbliche Wirtschaft) BS Unternehmen.

Generell werden wegen der zunehmend selbständigen Recherche von EndnutzerInnen Mehrdeutigkeiten nach Möglichkeit bei der Aufnahme von Benennungen in den STW beseitigt. Wegen der sich stetig wandelnden Arten und Zusammenhänge der Datenpräsentation müssen die Bezeichnungen möglichst selbsterklärend für die BenutzerInnen formuliert sein. Das gilt in besonderem Maße für die Homonyme und Polyseme. Entsprechend werden im STW Bezeichnungen vermieden, die wegen ihrer Vieldeutigkeit zur Subsumierung allzu heterogener Begriffsinhalte einladen. Diese Ausdrücke können zwar die Indexierung erleichtern, erschweren jedoch die Recherche und lassen auch die Herstellung sinnvoller Begriffsbeziehungen nicht zu. Bei Mehrdeutigkeiten wird vor allem für den Deskriptor einer eindeutigen Benennung der Vorzug gegeben. Die Eindeutigkeit wird soweit wie möglich bereits durch die Formulierung der Bezeichnungen klargestellt, so werden z.B. Adjektiv-Substantiv-Verbindungen sowie Komposita bevorzugt und nachgestellte Klammerausdrücke auf ein Minimum beschränkt. Die wichtigsten Investitionsbegriffe im Thesaurus sind Betriebliche Investition und Gesamtwirtschaftliche Investition. Investition ohne einen weiteren Zusatz existiert dort nicht, denn schon zu den beiden genannten Spezifizierungen gibt es allein in der HWWA-Datenbank etwa 1.000 Titelnachweise.

Wenn es nicht gelingt eine Benennung weitgehend unmissverständlich zu formulieren, wird die begriffliche Abgrenzung durch eine Erläuterung präzisiert. Überwiegend werden Begriffsdefinitionen vorgenommen, ggf. kann jedoch auch auf Deskriptoren ähnlichen Wortlauts oder vergleichbaren Inhalts hingewiesen werden, mit denen eine Verwechslungsgefahr besteht. Alle textlichen Erläuterungen finden sich in der Kategorie E (Erläuterung).

Konzentrationsindex
E
Nur für das Maß der Wirtschaftskonzentration; ABER: Für das Maß der Einkommensverteilung BENUTZE: Disparitätsmaß

Als Besonderheit enthält der Standard-Thesaurus eigene Erläuterungen für Nichtdeskriptoren. Bisher sind diese aber aus technischen Gründen nur in der zentralen HWWA-Datenbank gespeichert.

Fruchtsaftgetränk BS Erfrischungsgetränk
E
Fruchtsaftgetränke sind keine Fruchtsäfte; ABER: Für Fruchtsäfte BENUTZE: Fruchtsaft

Seitenanfang


Thesaurus-Semantik

Neben den begrifflichen Klärungen liegt das eigentliche Charakteristikum eines Thesaurus in der Darstellung einer semantischen Struktur, welche für die Indexierung und vor allem die Recherche in vielfältigster Weise als Hilfsmittel genutzt werden kann. Der STW besitzt ein vergleichsweise engmaschiges semantisches Netz. Es gibt kaum einen Deskriptor, der isoliert neben den anderen steht und nicht mindestens eine semantische Kategorie ausweist. Diese dichte Struktur bedeutet eine große Unterstützung bei der assoziativen Recherche, wenn die BenutzerInnen zunächst gar nicht so genau artikulieren können, nach welchem Begriff sie eigentlich suchen, zumal wenn ihnen die Datenbank und das benutzte Vokabular unbekannt sind. Die ausgewiesenen Beziehungen informieren dann durch Aufzeigen alternativer Deskriptoren/Suchstrategien über sinnvolle Möglichkeiten zur Einengung oder Ausweitung der Wortsuche. Im allgemeinen wird angenommen, dass die assoziative Suche bei thematischen Anfragen vorherrscht. Eine Frageformulierung lässt sich oft zu Beginn nur schwer auf einen konkreten Begriff bringen, der dann sofort zum gewünschten Resultat verhilft. Statt dessen werden sich die Recherchierenden an das "eigentlich" Gesuchte oder Gemeinte herantasten und dabei intuitiv die ihnen von ihrem Fach vertrauten begrifflichen und systematischen Zusammenhänge zugrunde legen.

Der Standard-Thesaurus weist Begriffsbeziehungen der Hierarchie und der Assoziation aus, deren Gewicht innerhalb der verschiedenen Bereiche des Thesaurus variiert. In den Ober- und Unterbegriffsrelationen werden Gattung-Art-Beziehungen und Teil-Ganzes-Beziehungen berücksichtigt. Die entsprechenden Kategorien finden sich unter OB (Oberbegriff) und UB (Unterbegriff). Leicht zu hierarchisieren sind Begriffssysteme aus den eher empirischen Subthesauri, die reale Objekte wiedergeben, z.B. Produkte, aber auch Wirtschaftszweige und geographische Begriffe - entsprechend häufig sind hier hierarchische Verkettungen zu finden. Ein besonderes Merkmal des STW ist seine Polyhierarchie, d.h. ein Deskriptor kann mehrere Oberbegriffe besitzen, die jeweils einen unterschiedlichen sachlichen Kontext repräsentieren.

Ökosteuer
OB Steuer
Umweltabgabe

Die wissenschaftlichen Termini setzen einer Hierarchiebildung erheblich mehr Widerstand entgegen. Hier überwiegt die assoziative Beziehung, deren Kategorie mit VB (Verwandter Begriff) bezeichnet wird. Aus pragmatischen Gründen wurden aus der Vielzahl denkbarer inhaltlich verwandter Begriffe jeweils die für Indexierung und Retrieval als besonders nützlich angesehenen ausgewählt. Unter den verwandten Begriffen finden sich Quasisynonyme (alternativ zur Äquivalenzbeziehung), potentielle Homonyme/Polyseme und Themenbeziehungen, d.h. es bilden, wie im Beispiel Kundendienst, alle verwandten Begriffe zusammen mit dem Deskriptor ein Thema ab. In einigen Fällen kommen auch Antonymien (Gegensatzpaare) vor. Gleichgewichtiges Wachstum besitzt z.B. den VB Ungleichgewichtiges Wachstum.

Kundendienst
VB Call Center
Gebrauchsanleitung
Konditionen
Kundenorientierung
Reklamation

Beginnt jemand die Suche mit Kundendienst, so wird er über die verwandten Begriffe im Deskriptorsatz auf weitere Begriffe aus dem Kundendienstbereich verwiesen. So ist es möglich, gezielt zu entscheiden, ob Kundendienst der passende Begriff ist oder aber z.B. eher Reklamation oder Konditionen. Ebenso kann es sich anbieten, bei einer Umfeldsuche sowohl mit Kundendienst als auch mit allen assoziativen Begriffen zu suchen, wenn man den Bereich entsprechend ausweiten will. Analog ist bei der Benutzung der Oberbegriffe vorzugehen. Im Beispiel Ökosteuer hat man die Wahl zwischen einer Suche in der Sachgruppe Steuer und damit in einem finanzwirtschaftlichen Zusammenhang oder im weiteren Gebiet Ökologie bei den Umweltabgaben.

Seitenanfang


Thesaurus-Systematik

Während das Deskriptorumfeld mit den begrifflichen Fixierungen und den semantischen Relationen die engeren inhaltlichen Zusammenhänge eines Terminus angibt, zeigt die systematische Einordnung den größeren sachlichen Komplex auf. Der Deskriptor Kundendienst besitzt die systematische Notation B.07.03, das ist die Sachgruppe Verkaufsförderung und Werbung aus dem Bereich B.07 Marketing. Das Fachgebiet Marketing seinerseits ist Teil des Subthesaurus B Betriebswirtschaft. Die Subthesauri bilden die oberste Ebene der systematischen Gliederung des STW. Sie sind aufgeteilt nach den üblichen umfassenden Teilbereichen der Wirtschaft(swissenschaft), ergänzt um jeweils einen Subthesaurus für die wichtigsten benachbarten Sachgebiete10 und die geographischen Begriffe.

Subthesauri des Standard-Thesaurus Wirtschaft
V Volkswirtschaft
B Betriebswirtschaft
W Wirtschaftssektoren und spezielle Wirtschaftslehren
P Produkte
(N Nachbarwissenschaften)
G Geographische Begriffe

Aus mnemotechnischen Gründen bezeichnet immer der Anfangsbuchstabe der Überschrift in der Notation die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Subthesaurus. Alle Deskriptoren innerhalb eines Subthesaurus führen diesen Großbuchstaben an erster Stelle der Notation, d.h. B... kennzeichnet betriebswirtschaftliche Termini. Die ersten beiden Subthesauri enthalten die eher wissenschaftliche Terminologie, die Teile W und P die vorwiegend praxisorientierte zu Branchen und Produktgruppen. Als benachbarte Fachgebiete sind in erster Linie die Sozialwissenschaften und Recht mit umfangreicherem Wortschatz vertreten, da sie am engsten interdisziplinär mit der Ökonomie verflochten sind. Komplettiert wird der Standard-Thesaurus durch eine Konkordanz mit der für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union entwickelten Branchenklassifikation NACE, um Cross-Recherchen in kommerziellen Wirtschaftsdatenbanken zu erleichtern.

Alle Subthesauri sind wiederum nach Teildisziplinen gegliedert. Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft orientieren sich in ihrer der Aufteilung weitgehend an den in der wissenschaftlichen Disziplin üblichen Einteilungskriterien. Wirtschaftszweiglehren und Produkte lehnen sich mit ihren Sachgruppen an aktuelle Güter- und Branchensystematiken der amtlichen Statistik an. Diese Vorgehensweise wurde gewählt, weil anzunehmen ist, dass fachlich versierte NutzerInnen sich bei der Recherche intuitiv von der ihnen geläufigen sachlichen Gliederung leiten lassen. Eine disziplinübliche Systematik erscheint von daher am besten geeignet das Arbeiten mit dem Thesaurus zu erleichtern, wenn ein Informationssuchender sich einen Überblick über die vertretenen thematischen Bereiche verschaffen will.

Gliederung des Subthesaurus Betriebswirtschaft
B.01 Unternehmensführung und Organisation
B.02 Investition und Finanzierung
B.03 Betriebswirtschaftliches Rechnungs- und Prüfungswesen
B.04 Personalwirtschaft
B.05 Materialwirtschaft und Logistik
B.06 Produktionswirtschaft
B.07 Marketing
B.08 Betriebliches Steuerwesen
B.09 Wirtschaftsinformatik
B.10 Unternehmensforschung und Operations Research

Umfangreiche Teilthesauri enthalten eine oder mehrere zusätzliche systematische Ebene(n) für engere Themenkreise innerhalb ihres Sachgebietes.

Gliederung des Bereichs B.07 Marketing
B.07.01 Konditionen- und Preispolitik
B.07.02 Produktpolitik
B.07.03 Verkaufsförderung und Werbung
B.07.04 Verkauf und Distribution
B.07.05 Konsumentenverhalten

 

Gliederung des Bereichs V.09.07 Steuern und Steuerwissenschaft
V.09.07.01 Steuertheorie
V.09.07.02 Steuerpolitik
V.09.07.03 Steuerarten

Die systematische Struktur des STW zeigt ergänzend zum semantischen Beziehungsgefüge eines Deskriptors seinen Platz innerhalb des gesamten fachlichen Zusammenhangs auf. Auch wenn der Begriff mehreren Sachbereichen zugeordnet worden ist, hat er stets einen identischen Begriffssatz. In Zweifelsfällen lässt sich an der systematischen Einordnung auch die begriffliche Abgrenzung eines Terminus ablesen. Der Begriff Fördermittel mit der Notation P.08 aus dem Sachgebiet Maschinenbauprodukte im Subthesaurus Produkte bezeichnet demnach fördertechnische Anlagen und nicht finanzielle Fördermittel, die im Bereich Öffentliche Finanzen zu erwarten wären.

Seitenanfang


Ausblick

Durch Einsatz des Standard-Thesaurus Wirtschaft konnte bereits jetzt das Niveau der sachlichen Erschließung in den Partnerbibliotheken wesentlich verbessert werden. Außerdem wird durch die gemeinschaftliche Nutzung und Fortentwicklung die weitgehend intellektuelle und nicht automatisierbare Terminologiearbeit wesentlich wirtschaftlicher organisiert und die anfallenden Kosten verteilen sich auf mehrere Einrichtungen. Die wesentlichen, im Thesauruskonzept angelegten Strukturierungselemente werden jedoch erst auf mittlere Sicht wirksam werden durch die Einbindung des Thesaurus in den geplanten deutschsprachigen ökonomischen Informationspool. Wie gezeigt, können die bibliothekarischen Funktionen des GBV wirkungsvoll ergänzt werden durch einen Fachinformationsverbund, der mit einer einheitlichen qualitativ hochwertigen dokumentarischen Tiefenerschließung die Grundlage für einen leistungsstarken, spezialisierten Service für informationssuchende ForscherInnen legt. Die modernen informationstechnischen Vernetzungen und Funktionalitäten bieten für die Bibliothek des HWWA und die anderen vergleichbaren Einrichtungen die historische Chance, ihre traditionelle Rolle der indirekten Informationsvermittlung durch die Übernahme wichtiger Aufgaben im Bereich der direkten Fachkommunikation zu erweitern. Diesem Ziel dient die Entwicklung eines Angebots an geeigneten Dienstleistungen, die die Möglichkeiten der Internet-Kommunikation (E-Mail, Newsgroups, zentrale Preprint-Server, etc.) ausnutzen und dadurch auch in der Ökonomik, die einer der meiststudierten Fachbereiche und eine der mitgliederstärksten wissenschaftlichen Professionen ist, die Tendenz zu einem direkteren und damit schnelleren und effizienteren Informationsaustausch zwischen den FachkollegInnen direkt von ihrem Arbeitsplatz aus national wie international zu unterstützen. Die Einrichtung eines umfassenden und netzwerkfähigen wissenschaftlichen Informationsservice als kompetente Anlaufstelle ist dringend erforderlich, um den Bedürfnissen der deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Scientific Community entsprechen zu können, die sich zunehmend dem internationalen Wettbewerb zu stellen hat und dabei, ähnlich wie die französischen KollegInnen, trotz Zugehörigkeit zu einem großen Sprachraum Schwierigkeiten hat, sich in einer vom Englischen dominierten Wissenschaftswelt Gehör zu verschaffen. Im günstigsten Fall kann langfristig durch einen verbesserten Fachdialog die häufig von führenden US-Ökonomen beklagte Zirkularität der Forschung mit ihrer Neigung zum "Re-Inventing of the Wheel" vermindert werden.

Bei der Erfüllung dieser Aufgaben kann der Standard-Thesaurus eine entscheidende Mittlerfunktion übernehmen. Über die deutschsprachige Erschließung des fachlichen State-of-the-Art hinaus kann er bei multilingualer Erweiterung die Verbindung zwischen den Sprachräumen fördern, indem er den BenutzerInnen ohne Mehraufwand gestattet, wahlweise in verschiedenen Sprachen Informationen über die gespeicherten Dokumentinhalte anzusteuern und abzufragen und damit Kenntnisse über den weltweiten Fachdiskurs zu erwerben. In einer nächsten Stufe kann das eigene Datenangebot der großen Fachbibliotheken erweitert werden, indem über eine Z39.50-Schnittstelle der Zugang zu fremden Metadaten von Fachaufsätzen eröffnet wird, die sehr häufig bereits mit der JEL-Klassifikation sachlich erschlossen sind. Diese Inhaltsangaben können dann in die Terminologie des STW übertragen werden, wenn – wie vorgesehen - eine Konkordanz zwischen JEL- und STW-Systematik erarbeitet worden ist.

Angesichts der rasanten Fortschritte im Bereich der Sprachtechnologien lassen sich zukünftig auch erweiterte Einsatzfelder denken. So kann der STW bei Ausarbeitung seiner terminologischen Basis im Rahmen linguistischer automatisierter Indexierungssysteme für die Sacherschließung elektronischer ökonomischer Publikationen oder im Rahmen domänenspezifischer Internet-Suchmaschinen eingesetzt werden. Die Thesaurusstruktur kann darüber hinaus als Grundlage dienen für die Systematisierung des wirtschaftswissenschaftlichen Informationsangebots im Rahmen einer virtuellen Fachbibliothek, das über den reinen Nachweis von Literaturquellen hinausgeht, wobei die semantischen Verknüpfungen eine tiefergehende Staffelung und Verzweigung der diversen Informationen ermöglichen. Alle diese Dienste und Angebote haben zum Ziel, den WissenschaftlerInnen die Orientierung in der weltweiten Publikationsflut zu erleichtern und ihnen zu helfen, die nach wie vor relativ geringe Zahl relevanter und hochwertiger Arbeiten herauszufiltern, eine Aufgabe, die weit über das hinausgeht, was ForscherInnen früherer Generationen zu leisten hatten. Die Entwicklung eines spezialisierten Informationssystems für die Wirtschaftswissenschaft, deren führende Rolle in der Gesellschaft sich paradoxerweise bisher nicht im Stand ihrer Fachkommunikation widerspiegelt, kann und muss endlich umgesetzt werden.

Manuela Gastmeyer

Seitenanfang


1) Vgl. z.B. Stock, Wolfgang G.: Literaturdatenbanken zur deutschen Volkswirtschaft: eine Bestandsaufnahme, in: Externe Datenbanken im betrieblichen Informationsprozeß – Angebote, Erfahrungen der Anwender, Einsatzbereiche, Trends, Düsseldorf 1992, S. 183  Zurück zum Text
2) Vgl. Stock, Wolfgang G.; Striefler, Hubert-Günter; Thomsen, Horst: Wirtschaftsinformationen auf CD-ROM: die WISO II, in: ifo schnelldienst, 1994, H.7, S. 39   Zurück zum Text
3) Vgl. z.B. Porstmann, Reiner: Eine universelle Fachklassifikation Wirtschaftswissenschaften, Göttingen 1995, S. 1 ff  Zurück zum Text 
4) Vgl z.B. Pancavel, John: Prospects for Economics, in: Economic Journal, Vol. 101, Nr. 404, 1991, S. 86  Zurück zum Text
5) Vgl. Krause, Jürgen: Informationserschließung und –bereitstellung zwischen Deregulation, Kommerzialisierung und weltweiter Vernetzung – Schalenmodell -, Bonn, September 1996  Zurück zum Text
6) Vgl. Simon, Hermann: Die deutsche Betriebswirtschaftslehre im internationalen Wettbewerb – ein Schwarzes Loch?, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaft, Ergänzungsheft 3, 1993, S. 73 ff  Zurück zum Text 
7) Zum Konzept eines "Clearinghouse" in der Fachinformation vgl. Diann Rusch-Feja: Ein "Clearinghouse"-Konzept für Fachinformation aus dem Internet oder wie man aus dem Chaos sinnvolle Informationsvermittlung betreibt, in: ABI-Technik, 16(1996)2, S. 143 ff  Zurück zum Text
8) Vgl. Scherwath, Wolfgang: Das HWWA als integraler Bestandteil eines Fachinformationssystems Wirtschaft, in: Auskunft, 18(1998)3, S. 269 ff   Zurück zum Text
9) Zum Konzept der Hybridbibliothek vgl. Rusbridge, Chris: Towards the Hybrid Library, in: D-Lib Magazine, July/August 1998, http://www.dlib.org/dlib/july98/rusbridge/07rusbridge.html (26.11.99)  Zurück zum Text 
10) Dieser Subthesaurus wird im Laufe des Jahres abgeschlossen, er ist bisher noch nicht Bestandteil des Standard-Thesaurus Wirtschaft.  Zurück zum Text

 

 
  Letzte Aktualisierung: 02.01.2001
webmaster@hwwa.de